Rheinhessen im Herzen und Sonne im Glas

Unterwegs im Namen der Rheinhessischen Dreifaltigkeit

Ja, natürlich: Rheinhessen bietet mehr als Wein. Aber es lässt sich soviel Herrliches rund um das Thema bei uns erleben, dass ich beschlossen habe, dieses Mal im Namen des Weins (und des Wecks und der Worscht) unterwegs zu sein. Und zwar im "goldische Meenz" und mitten im Herzen der "Rheinhessischen Schweiz". 

 

 

Marktfrühstück im "goldische Meenz"

 

Die Tour beginnt in der Landeshauptstadt, im Schatten des Doms, mitten im Marktgetümmel. Und sie beginnt mir einem deftigen Marktfrühstück in der Apsis des Liebfrauenplatzes. Seit 1989 begehen die Mainzer (und viele Touristen) diese Tradition, damals noch mit Bier und Erbsensuppe und Themen rund um die Marktköstlichkeiten. 10 Jahre später schenkten dann erstmals Mainzer Winzer aus und der Samstagstreff bekam das Gesicht, das er heute hat. Um einen Geheimtipp handelt es sich nicht mehr wirklich. Voll ist es samstags und die Schlangen vor den Metzgereiwagen lang. Hier gibt es die begehrte "Worscht", was im Rheinhessischen eigentlich immer "Fleischwurst" ist. Warm muss sie sein und dazu bekommt man ein Brötchen (Weck) und Senf. Geduldiges Schlangestehen lohnt sich. Und es lohnt sich ebenso, das kleine Fresspaket nicht direkt vor Ort zu verzehren, sondern ein paar Schritte Richtung Rhein zu laufen. Dort finden sich hervorragende Mainzer Winzer und Schoppen oder Wein pur sorgen für die Seeligkeit der rheinhessischen Dreifaltigkeit.- Außerdem kann man auf den Rheintreppen ganz gut sitzen und den Schiffen zuschauen. Um suchende Blicke nach Besteck oder Tellern zu vermeiden, hier schnell ein rheinhessischer Kniggebeitrag zum Thema "Wie isst man das eigentlich": Gegessen wird mit dem Besteck Gottes.- Also den Händen. Man nimmt die Wurst aus der Papiertüte und entfernt die Pelle (ja, mit den Fingern). Die Tüte benutzt man als Einwegteller und gibt Senf darauf, in den man die Wurst dippt. In der anderen Hand hält man das Brötchen. Und dann kann man genießen. 

Wer Muße und Zeit kann im Anschluss am Rhein entlang über den Trödelmarkt schlendern. Oder sich zurück ins Getümmel auf dem Markt werfen und lokale Erzeugnisse erstehen.

 

 

In der Rheinhessischen Schweiz 

 

Ich mache mich indes auf den Weg auf's Land. Und zwar in die Rheinhessische Schweiz (das ist ein offizieller Titel. Seit 1961 heisst das knapp 6.7 ha große Landschaftsschutz- und Naherholungsgebiet im Südwesten Rheinhessens so). 

Wälder, Wiesen, Bäche: Es sieht tatsächlich ein bisschen aus wie in unserem Nachbarland der Schweiz. Statt schneebedeckter Alpenspitzen gibt es hier allerdings sanfte Hügel, die mit einem Teppich von Reben überzogen sind.  Urlaubsstimmung kommt aber zweifellos auf.

Im Familien-Weingut Herrmann J. Müller in Wöllstein (Landkreis Alzey-Worms) kann man einer beliebten rheinhessischen Ausflugs- und Fortbewegungsart frönen: Der Funzelfahrt. Wir Rheinhessen mögen unseren Wein und wir mögen unsere Landschaft. Was ist also besser, als beides zu verbinden und zwar so, dass man verschiedene Weine testen kann und sich trotzdem keine Sorgen ums Heimkommen machen muss. Die Funzelfahrt ist eine Fahrt im Planwagen, gezogen von einem Traktor. Auf dem Planwagen befindet sic in der Mitte ein festmontierter Tisch, der ein Gestell zum sicheren Abstellen der Weingläser- und Flaschen trägt. Funzelfahrten gibt es in unterschiedlichen Varianten. Mit Zwischenstopp und ohne, mit Erläuterungen zum Weinberg und zur Weinherstellung oder in asketischer Genussstille (zumindest beim ersten bis zweiten Wein). Bei meiner Funzelfahrt fährt uns der Chef persönlich durch seine Weinberge. Es gibt Zwischenstopps an unterschiedlichen Rebsorten, Erläuterungen hierzu und natürlich ein (oder mehrere Gläser) des Endproduktes dieser Sorte (und/oder Wasser) auf dem Wagen. In der Halbzeit gibt es eine längere Pause am Trullo des Weingutes. Ein Trullo ist bei uns eine Schutzhütte im Weinberg. "Trulli" sind Rundhäuser aus Apulien, es ist allerdings nicht belegt, ob diese tatsächlich als Vorbild für die rheinhessischen Hütten dienten. Der Trullo in Wöllstein ist nicht historisch, sondern die Erfüllung eines Wunsches der Ehefrau des Winzers. Aber ob historisch oder nicht: Schön ist es allemal hier. Und zur Stärkung gibt es hier natürlich Weck, Worscht und Woi.

Einen zweiten längeren Stopp gibt es am alten Wasserturm, dem Wahrzeichen Wöllsteins auf dem Höllberg. Ursprünglich diente der historisierte Bau aus dem Jahr 1906 als Wasserbehälter (in ganz Rheinhessen findet man historisierte Wasserhäuschen aus dieser Zeit. Die meisten sind heute liebevoll hergerichtet und fungieren als Wahrzeichen ihrer Dörfer). Heute dient er als Aussichtsturm, der einen hervorragenden Blick über Wöllstein bis in den Rheingau bietet. 

Nach der Funzelfahrt sollte man Einkehren. Der Wein fordert sonst seinen Tribut. Wir wurden direkt zum Wunschlokal gefahren: der Junkermühle in Neu-Bamberg (Kreis Bad-Kreuznach). Hier gibt es gut bürgerliche Küche und das wahrscheinlich größte Kotlett, das ich jemals gesehen habe. Wurst und Fleisch stammen aus der Hausschlachtung, der Wein aus dem eigenen Anbau, das Ambiente ist urgemütlich. Hier lässt es sich leben. 

Gestärkt geht es zurück nach Wöllstein. Zu Fuß. Zum Einen, weil es sich nach der Völlerei anbietet und zum Anderen, weil der Weg durch das Tälchen des Appelbaches wahrhaft märchenhaft ist. Das liegt nicht nur am rauschenden Bächlein und verschlungenen Wegen, sondern auch an den Märchenfiguren, die seit 2008 am Wegesrand grüßen. 

 

 

 

Mehr zum Meenzer Marktfrühstück: www.mainz.de/freizeit-und-sport/einkaufen-und-maerkte/mainzer-marktfruehstueck.php 

Zu den Mainzer Winzern, die dort ausschenken: www.diemainzerwinzer.de/marktfruehstueck/

Alles zur Gemeinde Wöllstein: www.gemeinde-woellstein.de

Hier der Link zum Weingut Herrmann J. Müller: www.hjm-wein.de/

Der Link zur Junkermühle: www.junkermuehle.net/

 

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